Mit dem Fahrrad durchs Baltikum

Vorbereitungen:

Bereits seit längerer Zeit planten wir eine Radtour durchs Baltikum. Viele Informationen erhielten wir u. a. aus dem Internet. Den Radwanderführer „Velo Via Baltica“ (ISBN 3-930271-71-0) hatten wir bereits vorliegen.
Unser Problem waren aber die dortigen Sprachen. Denn auf englisch- oder deutschsprachige Ansprechpartner sollte man nicht unbedingt überall hoffen können. Auch hatten wir Informationen, dass es Probleme, vor allem in Zentralestland, mit Unterkünften geben soll. Deshalb entschieden wir uns dafür, unsere erste Tour ins Baltikum über Schnieder - Reisen zu buchen. Wir buchten die individuelle Rundreise, die wir auch sehr individuell gestalteten. Schnieder erwies sich dabei als kompetenter und hilfsbereiter Partner.
Schnieder lieferte zusammen mit den Reiseunterlagen den für das Baltikum empfohlenen Autoatlas von Jāņa sēta, den NELLES Guide „Baltische Staaten“ und weitere wichtige Tipps zum Radfahren im Baltikum:

Im Baltikum hat das Radfahren nicht den gleichen Stellenwert wie bei uns. Dem entsprechend sind Radler, besonders reisende Radler, kein gewohntes Bild für Autofahrer und werden u. U. eher als Hindernis denn als Partner im Verkehr betrachtet. Selbstverständlichkeiten, die wir als Radfahrer zu Hause mit Fug und Recht für uns in Anspruch nehmen, können nicht immer auf das Baltikum übertragen werden. Sollten Sie z. B. auf dem Fußweg fahren und eine einmündende Straße überqueren, so haben Sie gegenüber den abbiegenden Autos keine Vorfahrt!

Anreise

Die Anreise verlief problemlos. Sogar die kurzen Umsteigezeiten bei der Deutschen Bahn reichten aus, um pünktlich in Kiel anzukommen. Für die Fahrt vom Hauptbahnhof zum Ostuferhafen muss eine Fahrzeit von 45 Minuten eingerechnet werden.
Das Schiff der litauischen LISCO-Reederei transportiert vorrangig Lastwagen und Container. Für die Passagiere - natürlich auch die ganz normalen Touristen - gibt es sehr geräumige Kabinen. Und was so alles auf diesem Schiff mitgenommen wurde: Ein Ford-Transit komplett bepackt mit jungen lebenden Straußen!
Das Essen auf der Fähre war gut und preisgünstig. Lediglich beim Frühstück gab es wegen der kurzen Theke, auf der das Buffet aufgebaut war, kurzzeitig einen Engpass.
Nach der Ankunft in Klaipėda (Memel) ist eine Strecke von gut 10 km bis zur Innenstadt zu bewältigen. Dabei sollte ständig die Straße im Auge behalten werden, denn fehlende Gullydeckel können bereits nach kurzer Zeit zum vorzeitigen Ende der Radtour führen. Diese ersten Erfahrungen mit den Straßen behielten ihre Gültigkeit für das gesamte Baltikum - was aber nicht bedeuten soll, dass dort generell nur schlechte Straßen existieren. Auch die Hinweise von Schnieder (s.o.) konnten wir bereits bei unserer ersten kurzen Fahrt bestätigen: Auf Autofahrer achten, genauso aber auch auf Fußgänger und Radfahrer; Radwege werden teilweise ausgewiesen, sind aber oft in einem sehr schlechten Zustand; das Radfahren auf Fußwegen wird im Prinzip überall akzeptiert.
Haupt-sehenswürdigkeit in Klaipėda ist der Theaterplatz mit dem Ännchen von Tharau. Dort rollen auch in regelmäßigen Abständen die Reisebusse vor, und dort kann man bei den vielen fliegenden Händlern diverse Souvenirs erstehen.
Vor allem vom alten Postgebäude in Klaipeda waren wir sehr beeindruckt (s. Foto, unbedingt hinein gehen!).

Die folgenden kurzen Tagesberichte schildern persönliche Eindrücke oder besondere Streckenführungen, Sehenswürdigkeiten und Restauranttipps. Ansonsten ging es auf normalen Straßen von Ort zu Ort. Dabei sollte der Radreisende aber ständig rechts und links schauen und die herrliche Landschaft genießen.

1. Tag: Klaipėda - Nida (ca. 52 km)

Morgens zum alten Fährhafen in der Innenstadt (Žvejų g.). 3 LTL kostet die Überfahrt (Rückfahrkarte) für 2 Fahrräder auf die Kurische Nehrung. Der 1. Radweg Richtung Meer führt zu den Badestränden; nach ca. 2 km ist man wieder auf der Hauptstraße. An der Mautstation mussten Radfahrer keine Gebühr entrichten.
Juodkrantė (Schwarzort) hat eine neue Promenade mit Radweg an der Haffseite. Um jedoch den Hexenberg zu sehen, muss man auf der Straße in den Ort hineinfahren. Und auch die Kormorankolonie sieht man nur, wenn man Juodkrantė auf der Hauptstraße Richtung Süden verlässt.
Der Radweg nach Nida ist nicht ausgeschildert! So finden Sie ihn: In Juodkrantė in den Ort hineinfahren. An der ersten Übersichtstafel rechts ab in die Kalno g., dann immer geradeaus (steiler Anstieg!). Kurz vorm Strand links abbiegen.
Der Radweg führt zunächst nach Preila. Hier links in den Ort abbiegen (kein Schild!) und diesen auf der Hauptstraße geradeaus durchfahren. Der Radweg bringt einen dann problemlos nach Nida.

2. Tag: Nida

Nida ist touristisch sehr gut erschlossen. Das wissen auch die Deutschen bereits zu würdigen. Dennoch sind weder Ort, noch Strand oder Promenade überfüllt.
Der Ort hat schöne Fischerhäuser, ein sehenswertes Fischerhausmuseum mit schönen Wetterfahnen (s. Bild oben) und einen viel besuchten alten Friedhof. Hauptattraktionen sind jedoch das Thomas-Mann-Haus (Außenansicht reicht u. E.) und die Wanderdünen. Eine Straße führt bis fast auf den Gipfel der Großen Düne (Parnidžio).
Schöner ist es jedoch, durch die Dünen zu wandern. Wir fuhren mit dem Fahrrad zunächst Richtung Große Düne, bogen jedoch in Höhe des Campingplatzes nicht links ab, sondern folgten dem Weg entlang des Campingplatzzaunes. Nach ca. 1 km tauchte im Wald vor uns das Denkmal der ehemaligen Segelflugschule auf. Wir überquerten diesen Platz und ließen nach kurzer Zeit unsere Fahrräder im Wald stehen. Von hier aus gelangten wir in das Tal des Schweigens und konnten die einzelnen Dünen - soweit zulässig - besteigen.
Zum Strand gelangten wir wie folgt:
Wir fuhren Richtung russischer Grenze. Kurz vor dem Schild „Parnidžio Kraštovaidžio draustinis“ führt ein kleiner Weg rechts zum Strand. Gesäumt von Orchideen gelangt man an einen ganz einsamen Strandteil und kann von hier aus auch gemütlich bis zur russischen Grenze wandern.
Eine gute Stärkung fanden wir abends im Gasthof Sena Sodyba (Naglių 6).

3. Tag: Nida - Palanga (ca. 75 km)

Zurück geht´s auf der Kurischen Nehrung zunächst auf dem gleichen Weg. Ein Stopp an der Naglių kopa (Negelnsche Düne) zwischen Nida und Juodkrantė (dort, wo der Radweg die Straße kreuzt), ist sehr lohnenswert.
Wegen des schönen Wetters am Wochenende fuhr die Fähre nach Klaipėda in einem kürzeren Zeittakt. In Klaipeda radelten wir auf der H. Manto gatvė nach Norden aus der Stadt heraus. Hinter der Unterführung links ab Richtung Melnragė bzw. Giruliai. Die viel befahrene Straße hat links einen Radweg. An der nächsten Kreuzung haben wir rechts abbiegend den Fußweg (Vorsicht Schlaglöcher!) Richtung Giruliai benutzt. Ab Karklė geht die Fahrt auf einem Feldweg weiter (gut beschrieben in den o. g. SReiseunterlagen). Hinter einem Einzelhof ist ein Radweg ausgeschildert, der dann (teilweise stark sandig) bis Nemirseta (Nimmersatt) führt.
In Palanga ist das Bernsteinmuseum im Schloss des Grafen Tyszkiewicz sehenswert (s. Bild). Und am Samstag haben die frischvermählten hier ihren Fototermin vor historischer Kulisse.
Dagegen war im Ort die Hauptstraße bereits teilweise gesperrt. Zehntausende sind hier am Abend auf der J. Basanavičiaus gatve und der sich anschließenden 500 m langen Seebrücke zum Flanieren unterwegs. Aus vielen Gastronomiebetrieben erschallt laute Lifemusik. Ballermann lässt grüßen. Wir haben statt dessen im Alanga gut gegessen.

4. Tag: Palanga - Liepāja (ca. 75 km)

Bis zur Grenze wurde der Verkehr immer geringer. Und in Lettland waren wir zunächst teilweise ganz alleine auf der Straße. Nur die Störche schauten uns zu. Einen Abstecher auf die Nebenstraßen unternahmen wir nicht: Es waren ausnahmslos Sandpisten, die nach der langen Trockenheit schlecht befahrbar waren und staubten.
Vo
n Liepāja waren wir zunächst enttäuscht: Die Stadt hat zwar viele alte und schöne Häuser, wirkte aber, trotz neuer Fußgängerzone, etwas heruntergekommen. Wie wir später erfuhren, war Liepāja zu Sowjetzeiten strenges militärisches Sperrgebiet. Niemand kam herein und die, die dort wohnten, sollten am besten auch dort bleiben.
Diese Zeiten haben sich zum Glück geändert: Es herrschte reges Strandleben, und auch die lettischen Bernsteinsucher waren sehr aktiv und erfolgreich (Hinweis: Es gab in Deutschland auch Warnungen vor dem Bernstein suchen wegen der Verwechslungsgefahr mit Phosphor aus alten Sowjetbeständen!).

5. Tag: Liepāja - Kuldīga (ca. 90 km)

Dieser Tag war schwülwarm.
Aus dem Grunde haben wir uns wieder für die Straße entschieden. Zunächst bis Aizpute (Hasenpoth). Dort kehrten wir in einer kleinen Bar in dem denkmalgeschützten Ort mittags ein (zunächst in den Ort hineinfahren, Richtung Kazdanga).
Besonders an diesem Tag fielen uns immer wieder die vielen, vielen Störche in Lettland auf. Überall besetzte Horste, große Ansammlungen Nahrung suchender Störche auf den frisch gemähten Wiesen. Das Leben ist aber auch in Lettland nicht ganz ungefährlich für die Störche. Die vielen Überlandleitungen können leicht zu Todesfallen werden. Direkt nehmen uns flog ein Jungstorch bei einem Ausflug in eine Schwachstromleitung. Ein Knallen, ein Zischen, die Funken stoben in alle Richtungen - der Storch hatte es aber zum Glück überlebt und landete wieder sicher in seinem Horst.
In der ehemaligen Hansestadt Kuldīga (Goldingen) angekommen, ging´s zunächst zur Venta. Dort, von einer der längsten Backsteinbrücken in Europa, hat man einen herrlichen Blick auf die Ventas rumba (Bild), eine 2 m hohe flussbreite Stromschnelle. Und diese wurde heute als Erlebnisschwimmbad genutzt.

6. Tag: Kuldīga - Tukums ( ca. 93 km)

Im Hotel in Kuldīga fühlten wir uns an alte kommunistische Zeiten zurück erinnert: Abends ging im Restaurant das Bier aus. Und am nächsten Morgen versuchte das Personal mit einer kleinen Kaffeemaschine für einen 4-köpfigen Haushalt eine Gruppe von ca. 30 Hotelgästen zu versorgen. Das musste schief gehen. Und auch sonst klappte hier gar nichts: Keine Butter, zu wenig Brot, Wurst, Käse, Teller und Besteck reichten auch nicht. Schließlich aß man Spiegelei und Gurke (beides gab´s reichlich) - notfalls auch mit den Fingern.
Aber dann ging es bei schwülwarmem Wetter auf dem kürzesten Wege weiter. Ein Zwischenstopp bei den Abavas rumba (eine Ministromschnelle, durch die auch ein kleiner Weg mitten hindurch zu führen scheint) und eine Mittagspause in einer Bar in Kandava auf dem Marktplatz brachten erwünschte Pausen. Vom Marktplatz in Kandava fährt man dann zunächst zurück zur Straße, biegt dort aber (verbotenerweise) links ab. Und nun immer geradeaus zurück zur Landstraße P 130.
In Tukums gab es zunächst die Fortsetzung alter kommunistischer Zeiten: Im Hotelzimmer waren keine Handtücher, und es sollte sie auch erst gegen 19 Uhr geben, wenn die Chefin zurück sei. Auf Grund unserer massiven Beschwerden gab es dann aber plötzlich doch bereits früher die ersehnten Handtücher.
Im Restaurant des Hotels Arka (Bild) haben wir am Abend gut gegessen.

7. Tag: Tukums - Rīga (ca. 40 km)

Die Kilometerleistung für diesen Tag kann sehr unterschiedlich sein. Wir sind den allgemeinen Ratschlägen gefolgt und in Jūrmala in den Zug nach Rīga eingestiegen. Je nachdem, an welchem Bahnhof man in den Zug einsteigt, können die Tageskilometer um bis zu 20 km differieren.
Auf Nebenstraßen verließen wir Tukums. Wenn gewünscht: Das Schloss Durbe erreicht man am besten über die Durbes iela.
Danach auf kleinen Straßen bis zur Küste der Rīgaer Bucht. Hier unbedingt den Strand besuchen, am besten gleich einen der ersten Strandübergänge nehmen. Ein menschenleerer endloser Sandstrand lädt zum Verweilen und vielleicht sogar zum Baden ein.
In Jūrmala gibt es teilweise einen Radweg - man sollte jedoch sehr genau die Qualität dieses Weges prüfen und dann entscheiden, ob man auf dem Radweg oder auf der Straße fährt. Von nun an wird der Verkehr auch ständig dichter. Und spätestens auf dem Asaru Prospekt, nachdem man den Wald verlassen hat und der Radweg nicht mehr vorhanden ist, sollte man sich nach rechts wenden und auf der Parallelstraße weiterfahren. Hier liegen auch die ersten Bahnhöfe (St. Vaivari und St. Asari).
In der St. Asari (Bild) kauften wir unsere Fahrscheine. Deutsch? Kopfschütteln. English? Kopfschütteln. Also malten wir unseren Fahrkartenwunsch auf: Rīga 12.37h, 2 Männchen und 2 Fahrräder. Und schon erhielten wir für 1,48 LVL (= ca. 2,30 EUR) die richtigen Fahrscheine. Der nächste Schreck kam, als der Zug hielt. Alte russische Breitspur mit sehr hohen Waggons, die Bahnsteige dagegen niedrig. Wie das Fahrrad da hoch kriegen? Ohne Gepäck war es jedoch ohne weiteres machbar. Für die Fahrräder waren in jedem Waggon 2-3 Plätze, an denen sie eingehängt werden konnten. Und in jedem Waggon kontrollierte ein Schaffner sofort die Fahrscheine!
Der Nachmittag stand für Besichtigungen in der ehemaligen Hansestadt Rīga zur Verfügung. Einen ausgezeichneten Überblick über die Altstadt (Unesco-Weltkulturerbe) bekommt man vom Turm der Petrikirche (Sv. Pētera baznīca). Genaue Informationen über die einzelnen Sehenswürdigkeiten, auch im Jugendstilviertel nordöstlich der Altstadt, sind in jedem Reiseführer ausführlich nachzulesen.

8. Tag: Riga - Sigulda (mit dem Zug)

Auch am Vormittag gab es noch reichlich Gelegenheit, Riga zu besichtigen.
Besonders interessant war eine morgendliche Kranzniederlegung mit politischer Prominenz am Freiheitsdenkmal. Außerdem traf man überall in der Stadt auf Folkloregruppen, die sich anlässlich eines Folklorefestivals hier trafen.
Mittags nahmen wir dann wieder einen Zug, um die Stadt zu verlassen (1,82 LVL). Unser Ziel war Sigulda (Segewold), der Ort, der vor allem durch seine Bob- und Rodelbahn weltbekannt geworden ist.
Sigulda hat aber mehr zu bieten: Die Gauja, einer der schönsten Flüsse im Baltikum, Sandsteinhöhlen, die Reste einer Ordensburg und das Neue Schloss. Höhepunkt ist jedoch der Besuch der Burg von Turaida (Treyden), die das Tal der Gauja dominiert (Eintritt 1,50 LVL p.P.). Vom Bergfried hat man eine grandiose Aussicht über das Tal der Gauja (Bild).

9. Tag: Sigulda - Cēsis (ca. 45 km)

Nach einem Gewitter am gestrigen Abend entschlossen wir uns, heute die alternative Strecke über Sandpisten durch den Gauja-Nationalpark zu wählen. Die Straße war bis Vildoga mehr schlecht als recht zu befahren. In Vildoga (kein Ortsschild, keine Wegweiser) geht es geradeaus weiter, und die Straße ließ sich jetzt auch besser befahren. Nur die vielen Bremsen begleiteten uns weiterhin.
Ab Līgatne (Sandsteinhöhlen) wählten wir eine ganz andere Route als allgemein empfohlen. Wir fuhren zur Gauja-Fähre (Bild), der einzigen handbetriebenen über diesen Fluss. Mitten im Nationalpark, absolute Ruhe, nur das Klappern vom nahen Storchenhorst war ab und an zu hören. Die Fähre fuhr für uns ganz allein. Lautlos glitt sie durch die Fluten. Vor der nächsten Flussbiegung schwamm ein Biber. Am anderen Ufer angekommen verweilten wir noch über eine halbe Stunde und genossen die Natur: Ein Waldwasserläufer flog am Fluss entlang, ein Grauspecht rief aus dem nahen Wald und auf unseren Fahrrädern ließen sich Große Schillerfalter nieder. Eine alte Frau kam mit einem großen Eimer voller Pfifferlinge aus dem Wald.
Doch dann ging es weiter auf Sandpisten (zunächst links, nach 3 km rechts) Richtung Cesis. In Raiskums gab es einen kleinen Laden mit Rastplatz, der zu einer Pause einlud.
Cesis (Wenden) ist eine alte Hansestadt. Ein Muss für Touristen ist die Ruine der Ordensburg und das Schloss. Die Ruine selbst darf nur mit Helm und Kerze betreten werden. Dann hat man aber das besondere Erlebnis, innerhalb der 4 m dicken Mauern einen Wehrturm auf original alten Treppenstufen ohne Geländer und Licht bis zur Spitze zu besteigen.

10. Tag: Cesis - Strenči (ca. 56 km)

Der bisher heißeste Tag der Radtour. Sogar der Asphalt schmolz und blieb im Profil der Reifen kleben.
Ansonsten war es aber „nur“ ein normaler Fahrtag durch Vidzeme (Livland) mit Besuch der alten Hansestadt Valmiera (Wolmar). Ihre Ordensburg ist nicht besonders gut erhalten. Viel interessanter ist es, an der Brenguļu Smiltenes (ostwärts fahrend) kurz hinter der Tankstelle links abzubiegen und diesem Weg bis zur Gauja zu folgen. Vor der Brücke rechts ab, und Sie erreichen einen herrlichen Badeplatz an der Gauja (Bild), mit Sandbänken, Liegeplätzen und vielem mehr.
In Strenči war das Hotel soweit in Ordnung. Das einzige Problem: Es war Samstag und im Hotel fand eine Hochzeit statt. Und diese wissen die Letten zu feiern. Oropax ist in einem solchen Fall sehr sinnvoll.

11. Tag: Strenči - Otepää (ca. 80 km)

Auch heute: Straße. Wie aber kommen wir über die Grenze? Ist der Stadtübergang in Valka auch für Touristen geöffnet? Wir versuchen es. Mit Hilfe des Stadtplans im Straßenatlas von Jāņa sēta finden wir den Übergang und ..... können passieren. Dieser Grenzübergang ist also wieder für alle Reisenden geöffnet.
Erster Stopp am Schloss Sangaste. Auf der Rückseite des Schlosses ist ein kleiner Imbiss (nicht ausgeschildert!). Auch in Sangaste selbst gibt es Einkehr- und Versorgungsmöglichkeiten.
Hinter Sangaste finden wir plötzlich Wegweiser für Radfahrer (Bild). Ab Sihva werden die Radfahrer sogar auf einen komfortablen Radweg geleitet, der sie östlich um den Pühajärv herum und schließlich bis nach Otepää führt. Hier fällt aber sofort auf, dass man sich einem (Winter-)Sportzentrum nähert. Fast im Minutentakt begegnen uns Radler, Läufer, Skater, Skifahrer, ... Otepää ist schließlich das Wintersportzentrum Estlands. Die Nordischen Skiweltmeisterschaften 2004 wurden hier ausgerichtet.
Und direkt an den Wintersportanlagen übernachteten wir in einem Sporthotel.

12. Tag: Otepää - Tartu (ca. 42 km)

Wir fuhren zunächst auf direktem Weg zur alten Hansestadt Tartu (Dorpat). Ca. 8 km vor Tartu bogen wir wegen des zunehmenden Verkehrs rechts ab Richtung Aardla und gleich nach dem Bahnübergang wieder links. Nun ging es immer geradeaus bzw. halbrechts nach Tartu. In Tartu selbst fuhren wir links in die Ülikooli und erreichten direkt am Rathaus das Zentrum.
In der Stadt wurde viel gebaut. Dennoch waren alle Sehenswürdigkeiten frei zugänglich - ausgenommen die Johanniskirche (Jaani kirik). Rund um die Kirche und auch in der Straße Rüütli (die Schweiz lässt grüßen) wurde gebuddelt. Als Fußgänger konnte man dennoch diese Gegend passieren. Und zu unserer Überraschung lag auf dem Fußweg vor der Johanniskirche ein Totenschädel. Er ist wohl bei den Ausgrabungen zutage befördert worden und wurde nach dem Fund umgehend dem Bauleiter übergeben.

13. Tag: Tartu - Peipsijärv (ca. 85 km)

Ab Tartu folgten wir dem Radwanderweg 3. Dieser Radwanderweg ist gut ausgeschildert und führt, wenn möglich, über wenig befahrene Straßen.
Ab Koosa ging es dann aber auf z. T. schwer befahrbaren Sandpisten zum Peipsijärv (Peipussee). Hier, am viertgrößten See Europas, ist der Tourismus noch nicht angekommen. Wir fanden kaum Einkaufsmöglichkeiten, nur ein Restaurant und nur eine Bar! Und am See? Kein Strandleben, sondern Natur, Natur, Natur.
Einfachste Fischerhütten säumten unseren Weg. Dennoch begegneten uns die Jugendlichen teilweise in der neuesten Mode gekleidet!
Am Abend erreichten wir die bereits vorgebuchte Unterkunft Aarde Villa in Sääritsa. Dieses Gebäude wurde bereits 1711 als Poststation zwischen Tartu und St. Petersburg gebaut.
Für das Abendessen gibt es zwar keine Speisekarte, der gedünstete oder gebratene Fisch ist aber ausgezeichnet.

14. Tag: Peipsijärv

Sprechen Sie Deutsch?
Do you speak English?
Die Antwort war immer: „Njet”.
Wir befanden uns hier im russischsprachigen Teil Estlands. Beim Einkauf in den Läden halfen die Hände oder unsere geringen Polnischkenntnisse. Russische Kekse, russische Bonbons, Erzeugnisse aus dem eigenen Garten - all dies wurde auf dem Markt in Mustvee oder vor der Haustür angeboten.
Wir fuhren auf kleinen Wegen entlang des Peipussees, schauten uns Natur, Landschaft, Menschen und Ortschaften an. Immer gut geschützt gegen die allgegenwärtigen Mücken.
Und am Abend genossen wir wieder den herrlichen Fisch in der Aarde Villa

15. Tag: Peipsijärv - Rakvere (ca. 93 km)

Was soll man über eine solchen Tag schon schreiben? Regen, Regen, Regen. Und dazu Wind von vorne, z. T. in stürmischen Böen. Deshalb also die Windmühlen in dieser Region. In Muuga sogar eine besonders schön restaurierte. Aber dafür hatten wir heute keinen Blick.
Nach etwa 50 km stören einen der Regen und der Wind nicht mehr und man lacht nur noch über das besch.... Wetter. Zur Verwunderung der Autofahrer!
Als Krönung gab es dann sogar noch eine Reifenpanne. Die einzige während der gesamten Tour. Wir fanden zum Reifenwechsel aber zum Glück ein trockenes Plätzchen: Ein abgebranntes Haus am Straßenrand!
In Rakvere mit seiner Ordensburg (Bild) ging´s sofort zum Hotel. Dort
mussten zunächst die Regensachen und die Packtaschen getrocknet und der defekte Reifen geflickt werden (unterwegs haben wir schnell einen Ersatzschlauch eingezogen).
Und danach haben wir im Hotel Wesenberg das erstklassige Abendessen genossen. Die Joogi-Kaart (Getränkekarte) hat diesen etwas ungemütlichen Tag schließlich abgeschlossen.

16. Tag: Rakvere - Palmse (ca. 60 km)

Direkter Weg 32 km - wir entschieden uns deshalb für eine eigene Streckenführung.
Hinter Haljala bogen wir rechts ab Richtung Eisma. Die Straße wurde immer schmaler, der Verkehr nahm ständig ab. Eine wirklich sehr zu empfehlende Strecke!
In Eisma bogen wir links ab und fuhren hinter dem Ort erst einmal zum Strand. Wie üblich waren wir hier vollkommen alleine. Ein kleiner ins Meer mündender Bach teilte mit seinen moorigen braunen Fluten den Strand in zwei Hälften. Es war wegen des hohen Wasserstandes nicht möglich, von der einen auf die andere Bachseite zu wechseln.
Weiter ging es über Vainupea, Karula und Vihula nach Sagadi.
Hier war richtig was los: 1 Autobus und ca. 10 PKW ließen das Gutshaus mit Gutspark zum touristischen Zentrum aufsteigen.
Unser Hotel in Palmse am Rande des Nationalparks erreichten wir am späten Nachmittag, begleitet von Störchen und Kranichen .
Hier in Palmse kann man das Gutshaus (Bild) besichtigen (25 EEK) und sich im Besucherzentrum des Nationalparks über denselbigen informieren. Eine gute Wanderkarte (40 EEK) ist ebenfalls im Besucherzentrum erhältlich.

17. Tag: Lahemaa Nationalpark

Ruhetag.
Aber im Lahemaa-Nationalpark gibt es viel zu sehen. Also auf´s Fahrrad und los.
Vorbei an Felshaufen, von Bauern im 17. Jh. zusammen gesammelt, durch einen Wald voller Pfifferlinge, ging es zunächst nach Oandu zum Biberfluss. Die Biberburg und -dämme konnten wir bewundern, doch von den Tieren selbst leider keine Spur.
Weiter ging die Fahrt über Altja (alte Fischerhäuser), Vergi (Einkaufsmöglichkeit im Hafen) nach Võsu. Võsu ist das Touristenzentrum des Lahemaa-Nationalparks. Wir fuhren aber weiter nach Käsmu und besuchten dort zunächst das Meeresmuseum am ehemaligen sowjetischen Wachturm (begehbar!). Ob das Museum den Namen „Museum“ verdient, sollte jeder selbst entscheiden - einen Besuch ist es auf jeden Fall wert! Nächstes Ziel war die Landspitze nördlich Käsmu, an der das größte Findlingsfeld im Nationalpark besichtigt werden kann. Im benachbarten Wald stehen eigenartige riesige knorrige Kiefern.
Auf der Rückfahrt wollten wir noch die Wasserfälle im Nationalpark besuchen. Also fuhren wir nach Westen, um dann einer Sandpiste entlang des Valge jõgi zu folgen. Der Vasaristi juga war ein kleiner Wasserfall an einem Bach, der uns vor allem durch die vielen Mücken beeindruckte. Viel imposanter dagegen der Wasserfall in Nõmmeveski (Bild). Dieser Wasserfall wurde auch von vielen Touristen besucht. Schwerer zugänglich war dagegen der Wasserfall in Joaveski. Auf einer schwankenden Hängebrücke konnte man diesen zwar überqueren, zu sehen war aber nicht besonders viel. Umso beeindruckender der Loobu jõgi, der Fluß, der für den Wasserfall verantwortlich ist. Er mäandriert in unberührter Natur, ein Eldorado für Paddler. Diesem Fluss folgten wir eine Weile auf einem kleinen Sandweg flussaufwärts, um dann nach Norden Richtung Palmse zurück zu fahren.
Wie schon gesagt: Ruhetag - 84 km.
Und abends (es war Samstag) mal wieder eine Hochzeit, die groß im Hotel gefeiert wurde. Deshalb hier ein Tipp: Bei der Hotelzimmersuche am Samstag immer nachfragen, ob dort Hochzeit gefeiert wird. Wenn ja, besser weiter fahren und eine ruhige Unterkunft suchen.

18. Tag: Palmse - Tallinn (ca. 90 km)

Letzter Fahrtag. Heute sollte es ohne Sandpiste nach Tallinn gehen. Deshalb auf der Straße zunächst nach Westen schließlich auf der Landesstraße 85 nach Süden. Ein Abstecher führte uns zum Hochmoor „Viru raba“. Wir empfehlen den südlichen Zugang, da am nördlichen keine Infotafeln standen. Doch auch am südlichen Zugang (direkt an der 85) hatten wir Pech und kamen nicht ins Moor. Wegen der starken Regenfälle in den letzten Wochen in dieser Region stand das Wasser so hoch, dass man beim Gehen auf den Plankenwegen im Wasser versank.
Also fuhren wir weiter Richtung Autobahn und genossen diese einmalige Gelegenheit, als Radfahrer die Autobahn benutzen zu dürfen. In Kiiu verließen wir die Autobahn aber wieder und folgten nun dem gut ausgeschilderten Radweg Richtung Tallinn.
Eine besondere Attraktion war wegen des höheren Wasserstandes der Flüsse der Jägala Juga, Estlands größter Wasserfall (Bild). Es war Sonntag und eine wahre Völkerwanderung hatte zu diesem heute besonders breiten Wasserfall eingesetzt. Viele nutzten den Sonntagsausflug zu einem Picknick mit Grillen auf der grünen Wiese. Dazu ist in Estland kein Grill erforderlich: Die Holzkohle oder einfach nur Holz wird auf einer freien Fläche angezündet - fertig ist der Grill.
Kurz hinter Loo verloren wir den Radweg inmitten eines Industriegebietes zwischen mannshohen Wildkräutern und Rohren der Fernwärme. Mit Hilfe des Stadtplanes war es jedoch kein Problem, bis in die City, z. T. sogar auf gesonderten Radwegen, zu fahren.
Am Abend (Sonntagabend) fanden wir im Restaurant „Olde Hansa“ ein gutes originelles mittelalterliches Restaurant. Es war nicht ganz billig, aber Tallinn hat sich im Preisniveau schon sehr gut Mitteleuropa angepasst. Und ist natürlich - wie viele Städte und sogar Dörfer Estlands - an das Wireless Internet angeschlossen.

19. Tag: Tallinn

In Tallinn gibt es viel zu besichtigen. Jeder Reiseführer ist voller Informationen. Wir haben die Besichtigung dieser wirklich sehenswerten mittelalterlichen Stadt (Unesco-Weltkulturerbe) genossen. Genießen Sie die Schönheiten dieser Stadt, indem Sie sich das Fotoalbum dieses Tages anschauen.
Wir nutzten unseren Stadtrundgang auch, um uns bereits im Hafen für die Rückfahrt zu orientieren. 4 Terminals sorgen im Hafen von Tallinn für einen reibungslosen Ablauf des starken Fährverkehrs. Ständig laufen irgendwelchen Fähren ein oder aus. Die meisten via Helsinki.
Für die Finnen ist es schließlich nur ein Katzensprung. Schnell mit dem leeren Rollkoffer oder Trolli von der Fähre. 500 m zum Supermarkt. Dort kann dann alles gut mit Bier und Wodka voll gepackt werden - denn der Supermarkt ist auf seine Kundschaft eingestellt und hat ständig entsprechende Sonderangebote parat. Und dann zurück zur Fähre.
Neben den vielen Fährschiffen wird Tallinn auch täglich von mehreren Kreuzfahrtschiffen besucht, so dass im Hafengelände immer reger Betrieb herrscht.
Zurück in der Stadt, setzten wir unsere Besichtigungstour fort, reservierten aber gleichzeitig in einem der meist empfohlenen Restaurants einen Platz für den Abend, im Vanaema Juures. Dieses Restaurant wird auch ohne große Werbung sehr gut besucht, ohne Reservierung ist es nahezu unmöglich, hier einen Platz zu bekommen. Und die Reservierung hat sich gelohnt!

Rückfahrt

Das Einchecken ging problemlos am Terminal D - Autoabfertigung. Während wir auf den Finnjet warteten, konnten wir noch einmal das rege Treiben im Hafen miterleben: Fähre auf Fähre legte an oder ab, 4 Kreuzfahrtschiffe lagen im Hafen!
Ein letzter Blick auf die mittelalterliche Silhouette von Tallinn - die Reise ging unweigerlich zu Ende.
Leider konnten wir auf dem Finnjet unsere letzten estnischen Kronen nicht mehr ausgeben - bisher war es immer möglich, auf den Fähren in den Währungen der Start- und Zielländer zu bezahlen.
Und auch das Abendbuffet um 18.30 Uhr war bereits komplett belegt. Man sollte also versuchen, zusammen mit der Buchung des Schiffes (bei Interesse) gleich einen Platz beim Abendessen zu reservieren.
Der Finnjet hat während der Fahrt nach Rostock eine 45-minütige Verspätung wieder aufgeholt. Pünktlich lief das Schiff in Rostock ein. Und die Radfahrer durften es als erste verlassen.
Ein ausgeschilderter Radweg führt zunächst zur Innenstadt und dann weiter zum Hauptbahnhof. Die minimale Beschilderung ist absolut ausreichend!
Wieder in Deutschland angekommen, wurden wir am Hafen von einem kreisenden Seeadler, und kurz nach Abfahrt des Zuges aus dem Bahnhof Rostock von 4 Kranichen an der Bahnstrecke begrüßt.
Die ornithologischen Beobachtungen aus dem Baltikum finden Sie als Artenliste hier.

Schlussbetrachtung

Eine Radtour durchs Baltikum. Ca. 1000 km reine Fahrtstrecke. Gefahren sind wir aber insgesamt von Haustür zu Haustür mir allen Besichtigungen, Einkäufen und Umwegen 1293 km. Und es wird nicht unsere letzte Radtour in diesem Teil Europas sein.
Denn das Baltikum wird auch für Radtouristen immer interessanter. Wir trafen Deutsche, Holländer, Schweizer und Italiener.
Quartiere zum Übernachten scheinen genügend vorhanden zu sein, wenn auch mit Häufungen in den Touristenzentren. In der Hauptsaison sind jedoch viele Quartiere voll belegt. Da kann auch das beste Touristeninfo manchmal nicht weiter helfen. Und auf dem Land ist die Beschilderung leider noch nicht immer optimal. Dies kann dann dazu führen, dass man abends auf der Suche nach einem freien Quartier noch mal eben 20 km oder mehr zusätzlich radeln muss. Viele Hotels und Pensionen sind jedoch bei der Quartiersuche behilflich: Per Telefon suchen sie ein freies Bett und buchen auch gerne für den nächsten Abend bereits im geplanten Zielort vor. Wer ganz auf Nummer sicher gehen und nicht vorbuchen will, sollte ein Zelt mitnehmen. Zelten ist im Baltikum praktisch überall erlaubt.
Die über Schnieder - Reisen gebuchte Radtour verlief absolut problemlos.
Und wer mehr wissen möchte: Email genügt (-at- durch @ ersetzen)