Von Kamień nach Darłowo und zurück

Nach einjähriger Pause wählten wir für die diesjährige Herbsttour durch Polen Westpommern (pomorze zachodnie) als Ziel. Startort für die Rundtour war Kamień Pomorski (Cammin), als Unterkunft entschieden wir uns für das Hotel Staromiejski. Besonders sehenswert in Kamień ist der Dom, das Wahrzeichen der Stadt. Sein Grundstein wurde bereits 1176 gelegt. Zum Glück blieb der Dom im 2. Weltkrieg weitestgehend erhalten. Ganz im Gegensatz zum Rathaus (Anfang 14. Jh.), welches nach dem 2. Weltkrieg wieder neu aufgebaut wurde.

Kamien, Dom

Am nächsten Morgen ging es dann los Richtung Küste. Mit der Höfer-Karte PL 001 (Westpommern), später noch PL 003 (Hinterpommern) konnten wir uns verhältnismäßig gut orientieren und sollte interessierten Lesern beim Studium dieses Textes vorliegen.
Über die Straße 107 verließen wir Kamień nordwärts, bogen jedoch bereits nach kurzer Zeit rechts ab, um auf Nebenstrecken Lukęcin (Lüchenthin) zu erreichen. Von hier aus folgten wir der Küstenstraße Nr. 102 bis Trzęsacz (Hoff). Diese kleine bäuerliche Siedlung lag ursprünglich 1800 m vom Meer entfernt. Das Wasser nagte jedoch zusehends am Kliff, und der letzte Gottesdienst in der Kirche dieses Ortes fand 1874 statt. Danach brach die Kirche nach und nach zusammen. Heute ist nur noch eine Außenmauer zu sehen. Diese wird aber erhalten bleiben, da das Kliff mittlerweile befestigt wurde.

Trzesacz

Nun bogen wir in den Küstenwanderweg ein, der hier auch mit dem Fahrrad befahrbar war, und fuhren immer am Kliffrand entlang bis Rewal (Rewahl).

an der Steilküste

Von hier aus folgten wir dem Radwanderweg 10 entlang der Küste. Nächstes Ziel war der Leuchtturm Niechorze / Horst, von dem aus wir bei herrlichem Wetter eine ausgezeichnete Fernsicht genießen konnten.

Leuchtturm Niechorze

Kurz darauf bekamen wir sogar noch an einer geöffneten Fischräucherei frischen Räucherfisch direkt aus dem Rauch. Dann mussten wir jedoch wieder gen Süden zur 102, da sich an der Küste das Militär breit gemacht hat und eine Durchfahrt für Zivilpersonen nicht gestattet ist. In Trzebiatów (Treptow an der Rega) bogen wir ab auf die Straße 109 und gelangten in Mrzeżyno (Deep) wieder an die Küste. Hier wurde im Hafen gerade der frische Fang des Tages sortiert und die Möwen bekamen auch ihre Anteile.
Der Radwanderweg 10 folgte von nun an kleinen Straßen und Feldwegen. Manchmal war die Tour schon sehr abenteuerlich, da wegen mangelnder Beschilderung die Auswahl des richtigen Weges nicht ganz leicht war. Dennoch konnten wir uns immer am Verlauf der Küste orientieren und erreichten am späten Nachmittag nach gut 92 km Kołobrzeg (Kolberg). Hier fanden wir mitten im Zentrum das Hotel New Skanpol. Kołobrzeg ist ein Kurort, in dem sich besonders viele Deutsche medizinisch behandeln lassen. Deshalb findet man hier leichter ein Sanatorium als ein Hotel. Da Kołobrzeg im Krieg nahezu vollständig zerstört wurde, lassen sich die historischen Sehenswürdigkeiten fast an einer Hand abzählen: Leuchtturm, Rathaus, Dom.

Am nächsten Tag fuhren wir zunächst die 163 Richtung Wałcz, um dem Verkehr der stark befahrenen Straße nach Koszalin zu entgehen. In Dygowo (Degow) verließen wir die Hauptstraße nach links Richtung Ustronie Morskie (Henkershagen), fuhren jedoch über Gąskowo und Rusowo nach Tymien und von dort aus nach Norden zum Leuchtturm Gąski (Funkenhagen). Wegen des schlechten Wetters und der an diesem Tag nicht besonders guten Sicht verzichteten wir diesmal auf ein Besteigen des Leuchtturmes.

Jezioro Resko-Przymorskie (Strandsee)

Wir folgten immer der küstennahen Straße (nicht eindeutig in der Höfer-Karte eingezeichnet), durchfuhren Alleen mit riesigen knorrigen Haselnussbäumen, unter denen die Anwohner Haselnüsse sammelten, und gelangten so nach Mielno (Großmöllen). Im Sommer ist dieser Ort ein Anziehungspunkt für Massen von Touristen, im Herbst geht es hier eher gemächlich zu. Besonders vielversprechend schien uns nun die kleine Küstenstraße zu sein, die zwischen dem Meer und dem Jezioro Jamno (Jamunder See) über eine schmale Landzunge nach Łazy (Lasse) führte. Leider ist ab Łazy eine Weiterfahrt entlang der Küste nicht mehr möglich, da durch das Dünengelände (Naturschutzgebiet) kein Fahrweg gebaut wurde. Von einigen Arbeitern am Straßemnrand bekamen wir aber einen heißen Tipp für die Weiterfahrt nach Darłowo (Rügenwalde): In Osieki (Wusseken) am sklep (Laden) links abbiegen nach Rzepkowo (Repkow). Das sparte einige Kilometer und so erreichten wir nach gut 98 km bereits gegen 16.30 Uhr bei mittlerweile schönstem herbstlichem Sonnenschein Darłowo. Ein einfaches aber dennoch sehr gemütliches und vor allem preiswertes Quartier fanden wir im Hotel Eryk in unmittelbarer Nähe des Marktplatzes.
3. Fahrtag, Ziel Koszalin (Köslin). Der erste Abstecher führt uns zunächst nach Darłówko (Rügenwaldermünde). Doch auch in diesem Badeort ist es gegenüber dem Sommerbetrieb deutlich ruhiger. Dennoch hatten noch viel Läden und Hotels geöffnet.
Nach der Rückkehr in Darłowo war es 10.00 Uhr und das Heimatmuseum im Schloss der Pommerschen Herzöge hatte geöffnet. Ein Besuch, der sich lohnt!

Darlowo, Schloss

Für die Strecke nach Koszalin hatten wir uns kleine Wege und Straßen jenseits der Hauptstrecke Szczeczin - Gdańsk (Straße Nr. 6) ausgesucht, bei der uns die Höferkarte PL 003 sehr gut geholfen hat. Wir fuhren Richtung Süden über Rusko und Pęcislewko und bogen in Jezyce links ab. Nach 2 km ging es auf einer sehr kleinen Straße rechts ab in ein großes Waldgebiet. Unmengen von Bucheckern lagen hier im Wald unter den Bäumen - angenehmer Anlass, eine kleine Pause zu machen. In Malechewo überquerten wir dann die Straße Nr. 6 und fuhren über Zegocino und Lejkowo Richtung Sierakowo-Sławieńskie. Am Ende der Straße bogen wir rechts ab nach Sianów. Eine herrliche leicht hügelige Landschaft begleitete uns auf diesen nur von sehr wenig Autos befahrenen Straßen. Und in den Wäldern gab es massenhaft Pilze

Herbstfärbung

In Sianów mussten wir dann etwa 2 km an der Straße Nr. 6 entlang radeln, um kurz hinter der Kleinstadt links Richtung Koszalin abzubiegen. Es ging durch einen herrlichen Buchenwald immer bergauf, bis wir in nahezu 136 m ü. NN den Góra Chełmska (Kreuzberg) erklommen hatten. Eine rasante Abfahrt führte dann nach 81 km bis ins Zentrum von Koszalin. Und hier erlebten wir eine böse Überraschung: Wegen eines Jazzfestivals waren die Hotels nahezu ausgebucht. Lediglich in einer billigen Absteige in Bahnhofsnähe fanden wir noch ein einfaches Quartier. Und - wie man sieht - wir haben es überlebt. Ein wohlschmeckendes reichhaltiges Abendessen im Steakhaus und ein genauso reichhaltiges Frühstück am nächsten Morgen in einem benachbarten Luxushotel entschädigten uns.

Alleen

Und gut gestärkt konnten wir dann auch die Rückfahrt Richtung Kamień antreten. Für einen Tag war uns die Strecke bei dem sehr starken und böigen Gegenwind zu lang. Wo also unterwegs auf etwa halber Strecke ein Hotel finden? In Rymań an der Straße Nr. 6 gibt es ein gutes Motel und mit einem kurzen Anruf war auch alles reserviert.
Wir entschieden uns auf Grund der Erfahrungen der letzten Tage mit unterklassigen Straßen dafür, nördlich der Straße 6 Richtung Rymań zu fahren.
Zunächst ging es Richtung Kołobrzeg. In Mścice bogen wir links ab und fuhren über Dobre, nach Wierzchomino. Dort bogen wir am Ortseingang in der scharfen Rechtskurve links in den Radwanderweg (ein Feldweg) ein. Reste eines alten Wegweisers wiesen die Richtung: Warmino. In dem nun folgenden riesigen Waldgebiet (wieder viele Pilze) waren jedoch eine gute Karte und ein noch besserer Orientierungssinn gefragt (immer rechts halten!). Wir kamen problemlos nach Warmino, hatten unsere Probleme jedoch auf der anschließenden direkten Straßenverbindung nach Mierzyn. Am nächsten Bauernhof wurden wir gleich von 5 wütend kläffenden Hunden empfangen, einer schleifte sogar noch die Kette, mit der er auf dem Hof angekettet war, hinter sich her. Der hinzueilenden Bäuerin gelang es zumindest, den Kettenhund wieder auf den Hof zu zerren, so dass wir weiterfahren konnten. Doch schon tauchte das neue Problem vor uns auf: Die eingezeichnete Straße endete am Bauernhof. Noch ca. 1 km konnten wir einem Feldweg folgen, danach ging es über Stoppelfelder nach Mierzyn. Von nun fuhren wir nur noch auf den „gelben“ Straßen: Wrzosowo, Klopotowo, Piotrowice und Włościbórz hießen die Orte. Und vor allem die letzten 3 hatten geschichtlich einiges zu bieten: In allen dreien stehen oder standen Herrenhäuser. Hinweistafeln - auch in deutsch - erläutern die geschichtlichen Hintergründe.

Klopotowo

Der Rest der Strecke bis zum Motel wurde dann am Nachmittag flott abgefahren: Moltowo, Gościno, Trynik, Gorawino, Ryman, insgesamt 86,5 km.
Nach dem Abendessen gab es plötzlich einen Stromausfall. Professionell wurde jedoch sofort das Restaurent mit Kerzen erleuchtet. Auch für den notwendigen Gang zur Toilette oder zurück auf das Zimmer wurde der Gast ausreichend mit Kerzen ausgetattet. In der Küche kochte man derweil munter weiter - auf Gas, so dass die noch hungrigen Gäste ebenfalls ohne Zeitverzögerung bedient werden konnte.

Der letzte Fahrtag führte auf direktem Wege über Brojce (Broitz) und Gryfice (Greifenberg) zurück nach Kamień (63 km).
Die Fahrt verlief bei diesmal sonnigem Wetter ohne größere Höhepunkte. In Gryfice schauten wir uns die Reste der Stadtbefestigung und die Marienkirche an. Das Eisenbahnmuseum besuchten wir jedoch nicht.
Auf der weiteren Fahrt Richtung Kamień war dann das Schloss in Stuchowo (Stuchow) wegen Bauarbeiten nicht zu besichtigen. Und das in der Karte eingezeichnete Schloss in Świerzno (Schwirsen) war deutlich als Privatgrundstück gekennzeichnet mit dem Zusatz „Zutritt verboten“.

Schloss Stuchowo

Die für den Freitag dann noch geplante Rundfahrt über die Insel Wollin mussten wir streichen, da über Nacht ein starker Sturm aufzog. Vor dem Hotel wirbelten morgens bereits die Papierkörbe und Kübelpflanzen durch die Gegend. Und auf der Rückfahrt nach Deutschland mussten wir zweimal umgestürzten Bäumen ausweichen.

Dennoch war es wieder eine sehr schöne Tour durch eine herrliche eiszeitlich geprägte Landschaft mit vielen bekannten und weniger bekannten Sehenswürdigkeiten am Wegesrand.

Zum Abschluss noch etwas Ornithologisches, auch wenn die Vogelbeobachtungen diesmal nicht im Mittelpunkt standen.
Der herbstliche Vogelzug , vor allem an der Küste, war enorm.
Teilweise riesige Schwärme Kiebitze, Saatkrähen und Dohlen, Buchfinken, Stieglitze, Fichtenkreuzschnäbel, Feldlerchen, Wiesenpieper, Rot- und Wacholderdrosseln, Schwanzmeisen und Stare zogen gen Westen.
Hunderte von Grauammern rasteten in Trupps von bis zu 100 Exemplaren.
Südl.
Gąski rasteten auf einem Acker direkt neben der Straße ca. 200 Bläßgänse.
Und schließlich konnten wir sogar 2 Rauhfußbussarde und 2 Seeadler beobachten.
Außerdem konnte ich bei einem Höckerschwan in
Kołobrzeg den Metallring und bei einer Silbermöwe in Mrzeżyno den Farbring ablesen. Beide Vögel wurden in Polen beringt Die genauen Beringungsdaten der Silbermöwe können Sie nach Rückmeldung durch die zuständige Vogelwarte hier einsehen.