Ornithologische Exkursion in den Biebrza-Nationalpark (Nordostpolen)

Der Biebrza-Nationalpark ist der größte Nationalpark Polens. Er erstreckt sich entlang der stark mäandrierenden Biebrza bis zu ihrer Mündung in die Narew. Im Frühjahr sind die Biebrzasümpfe Rastplatz von Millionen von Zugvögeln, vor allem Wasser- und Sumpfvögel. Osteuropäische Brutvögel haben hier z. T. die westliche Grenze ihres Brutareals. Der weltweit vom Aussterben bedrohte Seggenrohrsänger hat hier sein größtes Brutvorkommen in Mitteleuropa. Deshalb ist der Biebrza-Nationalpark vor allem im Frühjahr bei Ornithologen sehr beliebt.

Wichtige Vorabinformationen gab es auf den Internetseiten http://www.biebrza.org.pl/ und www.wildpoland.com. Auf letzterer Seite bekamen wir auch den Biebrza Site Guide, dem wir wichtige Hinweise für unsere ornithologischen Exkursionen entnahmen. Zur besseren Orientierung für den Leser sind die Übersichtskarten aus dem Biebrza Site Guide hier einzusehen: Gesamtkarte, mittlerer Bereich - vergrößert, südlicher Bereich - vergrößert. Die Nummern im folgenden Bericht entsprechen den Nummern auf den Karten.

9.5.

Frühmorgens Start, das Navi sagte uns 1030 km. Also los. Wir, das sind Gerhard und Reinhard, kamen flott voran - trotz Großbaustellen in Polen. Bis Sochaczew, ca. 60 km vor Warschau. Und das Navi? Mitten durch Warschau. Da es aber ab Sochaczew nur noch sehr stockend weiter ging, bogen wir nach Norden ab und fuhren durch den Kampinoski Park Narodowy zur Narew. Diesem Fluss folgten wir gen Nordosten und machten schließlich unseren ersten Beobachtungsstopp an der Narewbrücke bei Zajki. Die Luft war erfüllt von den Rufen der Weißflügelseeschwalben. Überall flogen sie herum. Nach kurzem Stopp ging es weiter. Unser Ziel war der Długa Luka Boardwalk (47). Und tatsächlich: Hier sangen die Seggenrohrsänger rechts und links des Bohlenweges. Und überall gaukelten die Wiesenweihen. Auch mehrere Elche standen in den Sümpfen.

Abends im Hotel Zbyszko war uns schnell klar, dass es sich bei diesem Hotel um ein Relikt aus kommunistischen Zeiten handelte. So orderten wir schnell anstelle des Frühstücks Lunchpakete und fuhren sofort zum Beobachtungsturm bei Goniądz (1). In der abendlichen Dämmerung hörten wir einige Rohrdommeln und den ersten Sprosser.

Eine abendliche Stärkung gab es im Restaurant des Bartlowizna Kompleks Wypoczynkowy. Vom Hotel aus hörten wir spätabends noch einen Waldkauz und bekamen durch das offene Fenster Besuch von Maikäfern.

10.5.

Im Morgengrauen fuhren wir nach Barwik (52). Doch leider balzten hier nur Bekassinen, keine Zwerg- oder Doppelschnepfen. An Besonderheiten hörten wir außerdem noch Wachtelkönig und Grauspecht.

Barwik im Morgengrauen

Über Osowiec (7) - keine Besonderheiten - fuhren wir weiter nach Mścichy (18). Um zum Beobachtungsturm Biały Grąd (19) zu gelangen, der direkt an der Biebrza liegt, braucht man hohe Gummistiefel oder aber man geht barfuß. Die Blutegel im Wasser sind ungefährlich.

Mscichy, zum Beobachtungsturm

Mścichy ist einer der interessantesten und schönsten Beobachtungsorte. Auf dem Weg zum Beobachtungsturm fiel uns zunächst ein Trupp Nordische Schafstelzen auf. Auf dem weiteren Weg begleiteten uns vor allem Weißflügel- aber auch mehrere Weßbartseeschwalben, ab und zu mussten wir wegen anbrausender Maikäfer den Kopf einziehen. Vom Turm aus hat man dann einen hervorragenden Überblick über die mäandrierende Biebrza. Und hier tummelten sich Schwarzstörche, viele Enten und Limikolen. Von einem einheimischen Ornithologen bekamen wir dann auch noch den entscheidenden Tipp zur Beobachtung der Zitronenstelze.

Zitronenstelze

Und tatsächlich: Kurz vor Erreichen des Ortes, genau an der beschriebenen Stelle, saß ein Weibchen vor uns auf dem Weg. Wir warteten eine Weile, und dann kam das Männchen, badete in dem kleinen Bachlauf, betrieb Gefiederpflege und ließ sich sehr gut beobachten.

Das abendliche Warten auf Doppelschnepfen war jedoch nicht von Erfolg gekrönt.

11.5.

Wir standen wieder sehr früh auf (Lunchpaket) und fuhren in den Brzeziny Kapickie (04). Hier hofften wir, Weißrückenspechte zu sehen.

Brzeziny Kapickie

Wir parkten an der Einfahrt zum Forsthaus, folgten dem markierten Wanderweg gen Norden und befanden uns bereits nach kurzem Marsch in einem Sumpfwald, der außer vielen Mücken auch Biber beherbergte. Die ersten Schnäpper: Grau- und Trauer. Viele Buntspechte. Und dann plötzlich ein Trommeln, das anders klang, als das, was wir bisher gehört hatten. Nach einem Audiovergleich mit der Konserve war uns schnell klar, dass hier ein Weißrückenspecht trommelte. Doch er zeigte sich nicht. Die geschätzten 50 m Entfernung waren für diesen dichten Urwald einfach zu viel. Und mal schnell hingehen war auch nicht möglich: Ein breiter tiefer Graben trennte uns vom Trommelbaum.

Nach der Rückkehr zum Auto frühstückten wir am dortigen Rastplatz und hörten hier den ersten Wiedehopf.

Dann ging es zurück nach Goniądz: Hotelwechsel. Für eine Nacht schliefen wir im wesentlich besseren Bartlowizna Kompleks Wypoczynkowy. Wir hatten nämlich erst sehr spät versucht, Hotels zu buchen - da waren die meisten bereits weitestgehend ausgebucht (Orni-Tourismus).

Unser nächstes Ziel war Kopytkowo (10). In Dolistowo überquerten wir auf einer nicht sehr Vertrauen einflößenden Brücke die Biebrza und fuhren anschließend auf einer Sandpiste mehrere Kilometer entlang derselben durch eine beeindruckende Sumpflandschaft. In Kopytkowo steuerten wir direkt den privaten Beobachtungsturm an und hofften endlich, die ersten Adler zu beobachten. Aber leider taten sie uns nicht den Gefallen. Viele Rohrweihen und ein Habicht waren die einzigen Greife, außerdem zogen noch 19 Saatgänse durch. Und immer wieder hörten wir die Unken rufen. Aber plötzlich hatte sich der Aufstieg und das Warten doch noch gelohnt: Wenige Meter vor dem Turm stand plötzlich ein Elchbulle und ließ sich super beobachten.

Elch

Anschließend fuhren wir noch einmal zum Długa Luka Boardwalk (47). Hier war heute scheinbar internationales Ornithologentreffen. Und die Seggenrohrsänger taten den Ornithologen auch den Gefallen und sangen überall in den Sümpfen.

Ornithologen am Dluga Luka Boardwalk

Hier bekamen wir auch einen entscheidenden Tipp: Doppelschnepfen bei Mścichy balzen erst nach Einbruch der Dunkelheit. Also fuhren wir wieder auf die andere Seite der Biebrza und warteten kurz hinter Mścichy (18) auf die Dunkelheit und die Doppelschnepfen. Ein Schwarzstorch, mehrere Seggenrohrsänger, Tüpfelsumpfhühner (wie jeden Abend) und ein singendes Blaukehlchen verkürzten die Wartezeit. Und dann: Tatsächlich fingen einige Doppelschnepfen an zu balzen, nur leise aber deutlich zu hören. So hatte sich dieser Abstecher doch noch gelohnt.

12.5.

Es hieß wieder Koffer packen. Für die nächsten 2 Nächte hatten wir in Woźnawieś im Hotel Zagroda Kuwasy gebucht.

Zunächst fuhren wir jedoch nach Karpowicze (13). Die Wälder und Waldränder bei Karpowicze sind noch Heimat von Heidelerche und Ortolan. In den Wiesen konnten wir viele Uferschnepfen, Braunkehlchen, Wiesen- und Rohrweihen beobachten. Auch Steinschmätzer zeigten sich hier. Wir folgten nun dem immer schlechter werden Weg durch die Wiesen; denn in Dolistowo wurde uns gesagt, dass es dort eine Brücke über die Brzozówka gibt, die auch für Autos befahrbar sei. Und die Leute hatten Recht - im Schritttempo (oder noch langsamer) erreichten wir diese und machten erst einmal eine Pause. Vielleicht klappt es ja jetzt mit den ersten Adlern. Wir trafen aber nur Michał, der mit seinem Motorrad vorbeikam und anhielt. Er sprach fließend Deutsch und lud uns spontan zum Kaffee in seine Sommerresidenz in Jagłowo ein. Dort erfuhren wir dann, dass Michał Lehrer an einem Gymnasium für das Fach Deutsch war und nunmehr seinen Ruhestand genießt.

"Straße" zur Brzozówka

Über Dębowo (Start des Augustów-Kanals), Dolistowo und Goniądz fuhren wir nach K. Das Auto ließen wir im Dorf stehen und folgten dem markierten Wanderweg.

Schleuse Debowo

Bereits am Ortsrand sahen wir einen Wiedehopf und fanden auch seine vermutliche Bruthöhle in einer alten Kopfweide. Der Wachtelkönig rief, Braunkehlchen sangen und plötzlich schwebte über uns - endlich - der erste Adler. Alles sprach für Schelladler, aber ganz sicher waren wir noch nicht. Wir marschierten jetzt noch schneller bei drückender Hitze weiter, die Mücken merkten wir kaum noch. An dem kleinen mäandrierenden Fluss angekommen, suchten wir den Himmel ab: Nichts. Doch dann entdeckten wir den Adler wieder: Er saß ca. 400 m vor uns in einem hohen Baum, ein Schelladler. Gerhard machte sofort den Fotoapparat startklar. Ich fragte nur immer wieder, ob er fertig sei, denn der (beringte) Adler schien gleich wieder abzufliegen zu wollen. Und dann geschah das Unwahrscheinliche: Das Männchen kam hinzu und es gelang die Beobachtung der Kopulation. Später erfuhren wir sogar noch, dass das beringte Weibchen auch noch besendert sei. Wegen dieser Besonderheit wird auch der genaue Ort der Beobachtung hier ausnahmsweise nicht genannt.

vermutliche Bruthöhle des Wiedehopf

Das war ein erfolgreicher Tag. Und wir genossen das ausgezeichnete kalt-warme Abendbüffet im Hotel Zagroda Kuwasy. Beim Gang zu unserem Hotelzimmer im Nebengebäude hätten wir Ohropax gebraucht: Tausende oder sogar Millionen von Fröschen quakten dort gleichzeitig.

13.5.

Regentag. Also haben wir neu geplant und zunächst im Hotel eine Nacht verlängert. Denn nicht nur das Abend-, sondern auch das Frühstücksbüffet war sehr gut.

Dann ging es mit dem Auto zunächst nach Grzędy (17), um Eintrittskarten für den folgenden Tag für den Czerwony Bagno, das große Schutzgebiet im Norden der Biebrza Sümpfe,zu kaufen. Unterwegs sahen wir einen Wiedehopf, direkt am Parkplatz Grauspecht, Gartenrotschwanz, Weißstorch, Rotdrossel und Wiedehopf.

Parkplatz Grzedy

Danach hielten wir uns eine Zeit lang an der Jegrznia Bridge (16) auf. Seeadler, Wachtelkönig, Beutelmeise, Blaukehlchen, Flussuferläufer und den ersten Karmingimpel konnten wir an dieser Brücke beobachten. Auf dem Rückweg nach Woźnawieś flog ein Schreiadler über dem Czerwony Bagno.

Unser nächstes Ziel waren die großen Seen bei Rajgród: Jezioro Drenstwo und Jezioro Rajgrodskie. Haubentaucher, Kormorane, Silberreiher, Schellente, Gänsesäger, Flussregenpfeifer und die erste Trauerseeschwalbe waren hier die ornithologische Ausbeute.

Beobachten am Jezioro Rajgrodskie

Und am Abend ließen wir uns wieder das tolle Essen im Zagrody Kuwasy schmecken.

14.5.

Nach dem Frühstück liehen wir uns Fahrräder aus, da wir mit diesen etwas mobiler waren. Unser Ziel war bei wieder strahlendem Sonnenschein der Czerwony Bagno (17), Sumpfwald und Mückenparadies in einem, aber auch am Südostrand mit einer einmaligen Dünenlandschaft.

Zwergschnäpper

Bereits auf dem Weg zum Czerwony Bagno sahen wir 2 Schell-/Schreiadler, Wiedehopf, Karmingimpel und den ersten Gelbspötter. In den Sumpfwäldern selbst beobachteten wir Waldwasserläufer, Weißrückenspecht und als absolutes Highlight einen singenden Zwergschnäpper. Von den Aussichtstürmen auf den Dünen am Südostrand hatten wir einen herrlichen Blick über die Biebrza-Sümpfe bis nach Kopytkowo. Elche ästen in den Sümpfen, über uns kreisten 4 Adler (Schell- oder Schrei-), Zauneidechsen sonnten sich. Einen Wolf bekamen wir leider nicht zu Gesicht, nur seine Exkremente konnten wir mitten auf dem Wanderweg bewundern. Und sehr wahrscheinlich einen Taigazilpzalp, der am 1. Beobachtungsturm sang.

Zauneidechse

Auf dem Rückweg machten wir noch einige Abstecher und folgten verschiedenen Seitenwegen. Am interessantesten war der grün markierte Weg nach Süden. Dieser stieg sanft an und kurz darauf standen wir auf einer großen Düne. Eine Herde Pferde näherte sich uns, der Wiedehopf flog vorbei, weitere riefen im Hintergrund, ein Schreiadler kreiste niedrig über uns und in einer Senke saßen 6 Jungfüchse vor ihrem Bau.

PferdeJungfüchse

15.5.

Letzter Tag im Biebrza-Nationalpark.

Wir fuhren auf der Westseite der Biebrza gen Süden und bekamen noch einmal hautnah mit, wie viele Ornithologen aus ganz Europa im Frühjahr von dieser einmaligen Naturlandschaft angelockt werden. In Brzostowe (25) und Burzyn (28) legten wir an den Beobachtungstürmen Zwischenstopps ein. Viele Entenarten, sogar die Moorente, konnten wir hier beobachten.

Ornithologen aus ganz Europa

Einen weiteren Zwischenstopp machten wir bei Wizna (38, 39). Hauben- Rothals- und Schwarzhalstaucher brüteten hier, Weißflügel-, Weißbart- und Trauerseeschwalben waren überall gegenwärtig. Über Grądy Woniecko (Steinschmätzer, Grauammer, Grauschnäpper, Wiesenweihe, Wachtelkönig und einiges mehr in/an der alten, halb zerfallen LPG) fuhren wir in die Bronowo Meadows. Doch hier schaffte auch der Cross Touran es nicht mehr durchzukommen, die Wasserstände auf den Wegen waren einfach zu hoch.

Uferschnepfe

Wir übernachteten direkt an der Narew-Brücke in einer einfachen Bar ...

16.5.

... und verließen diese bereits am nächsten Morgen in aller Frühe. Von Bronowo aus gelangten wir dann tatsächlich in die Bronowo Meadows (40). In der Morgensonne konnten wir noch einmal Uferschnepfen, Seeschwalben, usw. in den weiten Wiesen der mäandrierenden Narew genießen, bevor es auf die gut 1000 km Rückfahrt ging. Aus den Erfahrungen der Hinfahrt haben wir diesmal gleich den großen Bogen um Warschau gemacht und kamen auf diese Weise problemlos wieder nach Hause.

Bronowo, Narew

Die Artenliste unserer Exkursion in den Biebrza-Natioalpark finden Sie hier (Excel-Datei).