Südostpolen (22.08.-06.09.2016)

Für unseren diesjährigen Jahresurlaub hatten wir uns als Ziel Südostpolen mit den Städten Lublin und Zamość sowie dem Hügelland Roztocze ausgesucht.

Lublin

Bereits bei der Anreise überraschte uns Lublin durch seine autobahnähnlich ausgebauten Zufahrten. Unser vorab gebuchtes Hotel direkt an der Altstadt gelegen, erwies sich als Volltreffer: 2 Minuten zum Schloss bzw. 3 Minuten zum Rynek (zu Fuß) und dazu ein überwältigendes Frühstück.

Lublin ist seit alters her eine Multi-Kulti-Stadt, ein Schmelztiegel verschiedener Religionen und Kulturen. Vor allem als jüdisches Zentrum war Lublin bis 1939 bekannt. Aber auch heute existiert wieder jüdisches Leben in der Stadt.

Besonders sehenswert ist das Schloss. Bei einem Blick vom Schlossturm liegt einem die gesamte Altstadt zu Füßen.

Und diese lohnt es sich, ausführlich zu erkunden. Geschichtsträchtige Gebäude, urige Gaststätten in irgendwelchen Kellergewölben sowie nette Cafés laden immer wieder zu einer Besichtigung oder Einkehr ein.

Majdanek

Auf der Weiterfahrt nach Zamość hielten wir am Stadtrand von Lublin am ehemaligen KZ Majdanek an.

Die riesigen Ausmaße dieses ehemaligen KZ konnten wir gleich am Eingang erkennen. Besonders bedrückend waren dann die Einzelausstellungen in den ehemaligen original erhaltenen Baracken:

- Ein ganzer Raum voller Schuhe der hier von den Nazis zu Unrecht inhaftierten und später grundlos ermordeten Menschen,

- die vielen auf Tafeln dokumentierten Einzelschicksale mit Fotos und Dokumenten.

Es war sehr bedrückend - und wir beschlossen, in diesem Urlaub auf den Besuch eines weiteren ehemaligen Konzentrationslagers zu verzichten.

Zamość

Zamość - die „Ideale Stadt“; Zamość - die Festungsstadt; Zamość - die UNESCO-Welterbestadt.

Keiner dieser Titel ist übertrieben. Zamość muss man gesehen haben, erlebt haben. Durch die Gassen der Stadt schlendern, die Befestigungsanlagen erkunden und ggf. mit einer Führung die nicht öffentlichen Bereiche besichtigen. Und zum Abschluss auf dem Rynek einen Kaffee trinken und nebenbei das tägliche Spektakel der Wachablösung genießen.

Zamość hält, was es verspricht, ist nicht sehr groß und kann problemlos an 2 Tagen erkundet werden. Hotels gibt es genügend. Wir waren sehr gut direkt am Stadtrand im Gościniec Kanclerz untergebracht (man spricht hier sogar deutsch!). Und dank der Hilfe der Chefin hatten wir umgehend ein Quartier für die nächsten Tage im Roztocze, einer welligen Hügelkette, die sich von Südostpolen bis in die Ukraine erstreckt.

Lipowiec bei Zwierzyniec (Roztocze)

Auf dem Weg nach Lipowiec fuhren wir über Szczebrzeszyn. Hier wurde dem Käfer, der im Schilf zirpt, ein Denkmal gesetzt (Polnischer Zungenbrecher: W Szczebrzeszynie chrząszcz brzmi w trzcinie).

Unser Quartier in Lipowiec lag nicht weit von Zwierzyniec entfernt. Es war die Agroturystyka Sarmatówka.

Emil (der Eigentümer) sprach sehr wenig Deutsch und etwas Englisch, ansonsten verlief die Kommunikation gebrochen auf Polnisch. Aber es klappte sehr gut und wir fühlten uns hier sehr wohl. Vor allem dank des hervorragenden Frühstücks.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Obrocz und mieteten dort ein Kajak. Am Samstag war leider sehr viel Betrieb auf der Wieprz, aber wir konnten dennoch die Besonderheiten dieses kleinen mäandrierenden Flusses genießen.

Die Radwege in der Region waren nicht so berauschend. Doch Emil hatte einen guten Tipp: Über die kleinen Landstraßen nach Górecko Kościelnie. Und hier konnten wir tatsächlich optimal bei sehr wenig Verkehr den Roztocze Höhenzug erkunden. Wir durchquerten unterwegs das Rezerwat Szum, ein Schutzgebiet entlang des kleinen Flüsschens Szum .

In Górecko Kościelnie war gerade Gottesdienst (am Sonntag) und die Kirche (ein Sanktuarium) war derart überfüllt, dass die Menschen draußen auf Bänken dem Gottesdienst über Lautsprecher folgten.

Anschließend machten wir eine Pause in der nahegelegenen Karzma nad Szumem.

Am letzten Abend gab es noch eine Überraschung: Emil lud uns zum Grillen ein. Es gab polnische Weißwurst. Lecker!

Krasnobród (Roztocze)

Und wir wechselten wieder das Quartier, um in eine andere Region des Roztocze zu gelangen. Auf dem Weg nach Krasnobród machten wir einen ersten Stopp in Górecko Nowe, um von dort aus nach Florianka zu gehen (nur Fuß- und Radweg). Hier werden Konik-Pferde gezüchtet.

Weiter ging es nach Józefów, in welchem der Steinbruch Babia Bolina aus dem 18. Jahrhundert eine besondere Sehenswürdigkeit ist.

Aber auch die ehemalige Synagoge aus dem 19. Jahrhundert (heute Bücherei) war uns einen Besuch wert.

Südöstlich von Józefów liegt das „Rezerwat Czartowy Pole“ am Flüsschen Zopot und einige Kilometer weiter bei Susiec das „Rezerwat Nad Tanwią“ am Flüsschen Tanew. Die Tanew hat sich hier ihren Weg durch das Hügelland über Dutzende von Kaskaden gegraben. Sehr beeindruckend!

Am Nachmittag erreichten wir dann unser neues Quartier in Krasnobród: Pszczeliniec. Es liegt außerhalb des Kurortes sehr ruhig in einem größeren Waldgebiet. Hier sprach man aber weder Deutsch noch Englisch, unsere kleinen Polnischkenntnisse reichten sogar aus, um am letzten Abend vom Chef zu einer kleinen internen Feier mit eingeladen zu werden. Diese „Karzma“ ist spezialisiert auf Busreisen und Hochzeiten - die (warme) Küche ist also nicht immer geöffnet. Dennoch waren wir von der persönlichen Atmosphäre beeindruckt und übernachteten insgesamt 4 Nächte.

Die 3 Tage konnten wir wegen des weiterhin perfekten Sommerwetters sehr gut nutzen.

Am 1. Tag machten wir eine Wanderung durch die Wälder südlich von Krasnobród. Wir stellten das Auto im Wald bei Szur ab und wanderten auf ausgezeichnet ausgeschilderten Wegen, die jedoch teilweise sehr sandig waren, ca. 18 km. Unterwegs fanden wir viele Pilze und konnten fast überall reichlich Brombeeren essen. Der Wanderweg führte durch mehrere kleinste Dörfer mit den typischen alten Holzhäusern.

Und mit einem kleinen Abstecher konnten wir sogar noch die Quelle der Sopot bewundern (s. oben). Abends kehrten wir bei „Marta“ ein und bekamen köstliche Spezialitäten der heimischen Küche serviert.

Am nächsten Tag machten wir eine Radtour von Krasnobród entlang des Flüsschens Wieprz durch den Roztocze Nationalpark nach Zwierzyniec. Hierbei besichtigten wir das Heimatmuseum in Guciów mit seiner großen Sammlung an Versteinerungen und prähistorischen Funden aus der Region. Weiter ging es Richtung Süden über Florianka (s. auch oben), Górecko Stare, Majdan Kasztelański, Szopowe, Górnili und Stanisławów zurück nach Krasnobród. Besondere Sehenswürdigkeiten gab es hier nicht, aber man bekam einen weiteren Einblick in das Leben der dortigen Bevölkerung. Leider war der letzte Teil der Strecke zwischen Wólka Husińska nach Krasnobród für Fahrräder nahezu unbefahrbar.

Für den letzten Tag hatten wir bereits während der Radtour am Vortag uns zu einer weiteren Kajaktour auf der Wieprz angemeldet, diesmal weiter flussaufwärts von Hutki nach Guciów.

Diesmal (an einem Wochentag) waren wir fast allein auf dem kleinen Flüsschen und konnten mehrfach die dort lebenden Eisvögel bewundern. Unsere Mittagspause machten wir in Bondyrz an der Mühle in der Chata Rybacka.

Die Spezialität waren Forellen. Am Ziel Guciów angekommen kauften wir dort einige spezielle Honige ein: Wald-, Linden-, Bohnen- und Goldrutenhonig.

Am letzten Abend in Krasnobród beschlossen wir, eine Idee, die im Verlauf dieser Reise in uns gereift war, tatsächlich in die Tat umzusetzen: Am nächsten Morgen sollte es nach Lviv (Ukraine) gehen. Schnell war ein Hotel im Zentrum gebucht, fehlte nur noch das Kartenmaterial. Zum Glück hatten wir auf unserem Smartphone eine netzunabhängige Landkarten-App. Schnell war die Karte der Ukraine heruntergeladen (natürlich wie immer in Polen freies Wlan) und der Weiterfahrt am nächsten Morgen stand nichts mehr im Wege. So konnten wir die Feier am Abend in der Karczma Pszczeliniec genießen.

Lviv

Am nächsten Morgen ging es weiter Richtung Ukraine. Bei einem kurzen Stopp in Tomaszow Lubelski besichtigten wir im Stadtzentrum die 1627 erbaute Holzkirche, wohl die älteste in Polen.

An der Grenze angekommen, waren die Grenzkontrollen bei der Einreise in die Ukraine sehr umfangreich. Aber nach ca. 1,5 Stunden hatten wir freie Fahrt auf einer gut ausgebauten Straße nach Lviv. Und auch unser vorgebuchtes Hotel mitten im Stadtzentrum fanden wir ohne Probleme.

Gleich nach der Ankunft machten wir uns auf den Weg zum Rynok (Marktplatz) und der dortigen Touristeninfo. Stadtplan und Infomaterial auf Deutsch? Kein Problem. In einem nahegelegenen Cafe studierten wir in Ruhe die erhaltenen Informationen und machten uns danach auf zur ersten Erkundungstour. Und dabei sahen wir sehr schnell, warum die Altstadt von Lviv zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört (seit 1998).

Wir sammelten viele angenehme erste Eindrücke und fanden in den Seitengassen auch ein nettes Restaurant (sogar mit deutscher Speisekarte), in dem wir ausgezeichnet speisten.

Anschließend schlenderten wir, es war bereits dunkel, über den Rynok und hörten aus dem „Bier Theater Pravda“ Jazzmusik. Also hinein, ein dort selbst gebrautes schmackhaftes Bier bestellt und die Stimmung in diesem Haus genossen. Durch die Fenster sahen wir, dass auch auf dem Rynok viel Leben war: Musikanten, Feuerschlucker und andere Künstler bzw. Artisten.

Wir wechselten, nachdem die Jazzband ihr Programm beendet hatte, in den Rathausinnenhof, denn hier spielte eine hörenswerte ukrainische Rockband: ГИУ Оркестр.

Am nächsten Tag machten wir den „Spaziergang durch Lviv“. Anhand der ausgezeichneten Karte und ausführlichen Beschreibungen lernten wir einiges über die Geschichte dieser beeindruckenden Stadt. Wir kletterten auf den Rathausturm (409 Stufen) und verschafften uns zusätzlich einen grandiosen Überblick von oben, tranken am Rynok in einem besonderen, stark frequentierten Kaffeeladen Kaffee und besuchten in der Nähe der Oper einen kleinen Markt.

Abends suchten wir uns wieder in den Seitengassen ein schönes Restaurant, hörten einer Breslauer Rockband im Rathausinnenhof zu und schlossen den Abend wieder im BierTheater Pravda bei bester Jazzmusik und ausgezeichneter Stimmung ab.

Rückfahrt

Am nächsten Morgen verließen wir Lviv sehr früh, nahmen nur ein Frühstück mit ins Auto - denn wir hatten von teilweise extrem langen Wartezeiten an der Grenze gehört und wollten diese möglichst vermeiden. Für die insgesamt knapp 1200 km nach Hause planten wir noch 2 Zwischenstopps ein.

Zunächst fuhren wir nach Sandomierz an der Weichsel.

Sandomierz ist eine der schönsten Städte Polens und blieb im 2. Weltkrieg nahezu unversehrt. Die Altstadt, vor allem der Rynek mit dem Rathaus und dem Brama Opatowska sind ein echter Hingucker. Es war an diesem Sonntag jedoch Stadtfest und deshalb waren die Sehenswürdigkeiten teilweisen von Zelten und Bühnen verdeckt.

Am nächsten Morgen fuhren wir entlang der Weichsel nach Kazimierz Dolny. Diese Kleinstadt ist ebenfalls wegen ihrer historischen Altstadt vor allem bei Polen sehr beliebt. Und das zu Recht!

Sowohl in Sandomierz als auch in Kazimierz Dolny bekamen wir bei der Touristeninformation übrigens kleine Stadtführer auf Deutsch. Man ist also hier auf deutsche Touristen eingestellt, auch wenn wir außer in Lublin, Zamość und Lviv keine deutschen Autos gesehen und kein Deutsch gehört hatten. Unser Fazit für diese Region fällt dagegen sehr positiv aus. Vor allem die besuchten Städte sind eine Reise wert. Doch auch die Hügelkette Roztocze mit seinen vielen Schutzgebieten war für uns ein sehenswertes Gebiet mit vielen interessanten Einblicken in die Natur und das Leben der dortigen Menschen.